Rede von Herrn Staatspräsidenten Dr. Tamás Sulyok anläßlich des Gedenktags der Verschleppung der Ungarndeutschen
Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Sehr verehrte Frau Büdenbender!
Sehr geehrter Herr von Bayern!
Liebe Frau Hahn!
Sehr geehrte Frau stellvertretende Ministerpräsidentin!
Liebe deutsche Freunde!
Meine Damen und Herren!
Mit tiefstem Respekt begrüße ich bei der heutigen Gedenkveranstaltung meine aus Ungarn vertriebenen Mitbürger, wie auch ihre Nachfahren! Wenn ich in die Runde der Teilnehmer schaue, empfinde ich Freude und zugleich auch Ergriffenheit. - Erlauben Sie mir bitte, meine Ansprache in meiner Muttersprache, auf Ungarisch fortzusetzen.
Im Verlauf der Geschichte Europas hatten wir einige stürmische Jahrhunderte erlebt, jedoch bin ich der Ansicht, dass viele von uns einvernehmlich feststellen können, dass das 20. Jahrhundert mit zu den schrecklichsten gehörte. Man pflegt zu sagen, die Zeit heile alle Wunden.
Mit dieser Feststellung kann ich mich nur identifizieren, wenn wir den zeitlichen Abstand nicht als Vergessen deuten, sondern dass wir aus den Geschehnissen ununterbrochen Lernen und uns gegenseitig stärken. Als gemeinsame Anstrengung unsererseits, die Lehren der Geschichte gemeinsam aufzuarbeiten, das Andenken der Opfer gemeinsam zu pflegen, unsere Gemeinschaften gemeinsam zu stärken, damit sich dieser Schrecken nie mehr wiederholen darf. Denn man darf und kann auch sie nicht vergessen. Denn wer vergisst, hat nichts gelernt.
Der Ansatz der Kollektivschuld hat keinen Platz mehr in Europa! Man kann und darf keine prinzipielle, ideologische oder juristische Argumentation akzeptieren, die Gemeinschaften an den Pranger stellt, benachteiligt oder mit jeglichen Maßnahmen juristischer Art belegt. Wir haben uns zu bekennen, dass niemand mehr in Europa seiner verfassungsmäßigen Rechte beraubt werden darf und dass nie mehr Umstände entstehen können, unter denen alteingesessene Minderheiten jeglichen Grund zur Furcht hätten.
Die Zeit der Lügen aus einer kollektiven Benachteiligung ist vorbei, im 21. Jahrhundert hat das keinen Platz in Europa.
Weder in der Politik, noch in der Gesellschaft, noch im Recht. In unserer Zeit muss die The zum Grundsatz erhoben werden, dass es völlig unakzeptabel ist, einen jeden in Europa aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zu brandmarken.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Meine lieben deutschen Freunde!
Ein großer Schmerzpunkt und eine tiefe Wunde der lange zurückreichenden gemeinsamen deutsch-ungarischen Geschichte ist die Verschleppung der Ungarndeutschen.
Mit meiner Teilnahme an der heutigen Gedenkveranstaltung möchte ich auch zum Ausdruck bringen, dass die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn nicht nur der deutschen Nation einen Schlag bereitet hat, denn diese Tragödie teilen wir. Diese Verschleppung ist genauso schmerzhaft für die ungarische Nation und hat genauso tiefe Wunden auch Ungarn gerissen. Die Verschleppten und ihre Nachfahren werden wir niemals vergessen. Ungarn erwartet all diejenigen zurück, die sich entscheiden, zurückkehren zu möchten!
Vor 80 Jahren wurden meine Mitbürger deshalb vertrieben, weil sie deutscher Nationalität waren. Sie mussten alles zurücklassen: ihr Zuhause, ihren Grund und Boden, ihr Hab und Gut.
Ihre Angehörigen, Freunde und Nachbarn - diejenigen, mit denen sie der selben Gemeinschaft angehörten. Obwohl die deutsche Nationalität über Jahrhunderte hinweg einen festen Bestandteil Ungarns bildete. Die Spuren dieser Deutschen, die Früchte ihrer Arbeit und ihre kulturellen Einflüsse sind in Ungarn, in der ungarischen Kultur vorhanden und nicht auszulöschen.
Der heutige Gedenktag lehrt uns ebenso, dass wir für die alteingesessenen nationalen Minderheiten kontinuierlich einzustehen haben. Es darf keine Zeiten geben, in denen der Schutz ihrer Interessen vernachlässigt werden könnte.
In Ungarn haben wir eine Vielzahl von Maßnahmen getroffen, damit nationale Minderheiten ihre Identität und Kultur bewahren, ihre Sprache erhalten, ihre Traditionen pflegen und in der Gemeinschaft wachsen können. Meine deutschen Mitbürger zeichnen sich insbesondere im Aufbau und der Festigung ihrer Gemeinschaften und in der Wahrung ihrer Identität aus und bieten damit ein glänzendes Beispiel für sämtliche Gemeinschaften. Auch dank ihrer effektiven Interessenvertretung steht es ihnen zu, durch den Abgeordneten der ungarndeutschen Nationalität dem Parlament anzugehören. Für ihre Arbeit in der Bildung und Erhaltung ihrer Gemeinschaft spreche ich meinen Dank und meine Anerkennung aus!
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Wir Ungarn und Deutsche sind durch ein Jahrtausend verbunden, und zwar durch eine Bande, nicht nicht mehr zu entwirren ist. Die Wechselwirkungen sowohl kultureller Art, als auch in der Lebensart, wie auch die politischen und wirtschaftliche Beziehungen sind von außerordentlicher Bedeutung.
Selbstverständlich gab es auch Zeiten, als dieses Beziehungsgeflecht hier und da lockerer wurde, aber zu solchen Zeiten hat uns manch andere Bande wieder stark verbunden und ließ uns näher rücken. Uns war viel Zeit vergönnt, um zu lernen, dass es keine lockere Bande gibt, die man nicht durch den gemeinsamen Willen und die gemeinsame Anstrengung wieder stärken kann.
Und selbstverständlich konnten wir auch die Erfahrung machen, dass keine Bande stark genug ist, um nicht zerrissen werden zu können. Das heißt, dass es die selbstredend guten Beziehungen zu hegen und pflegen gilt. Und daraus folgt wiederum, dass in unseren beiden Nationen stets diejenigen von Voraussicht zeugten, die die Beziehungen unter jeglichen Umständen gestärkt und die Freundschaft aufrecht erhalten haben. Diejenigen waren auf dem richtigen Weg, die trotz unterschiedlicher Meinungen im gegenseitigen Respekt und unter Berücksichtigung der Interessen des jeweils anderen an der Zusammenarbeit festgehalten und dafür gearbeitet haben.
Ich persönlich bekenne mich zu diesem Weg und bekenne mich, zur Gemeinschaft derjenigen zu gehören, die einen Wert in den deutsch-ungarischen Beziehungen sehen und mit der Absicht des Zusammenhalts handeln. ich denke, dass stets diejenigen richtig handeln, die auf die in der Tiefe vorhandenen Grundlagen aufbauen.
Wir sind Zeugen einer Umschichtung von globaler Tragweite: wir erkennen, dass multilaterale Einrichtungen schwerlich funktionieren. In diesem Umfeld steigt insbesondere die Bedeutung der bilateralen Beziehungen.
Darauf ist Ungarn vorbereitet, weil wir noch nie zuvor ein derart weitläufiges diplomatisches Netzwerk weltweit hatten, wie heute und wir arbeiten kontinuierlich an der Stärkung unserer Beziehungen und der Etablierung der partnerschaftlichen Zusammenarbeit in weitere Richtungen. Dabei ist uns die Vertiefung der Beziehungen zur Bundesrepublik von besonderer Bedeutung. Meinen Dank und meine Anerkennung bringe ich all denjenigen, unserem Botschafter, unseren Diplomaten und den verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen gegenüber zum Ausdruck, die im Zuge ihrer Arbeit tagtäglich die Beziehungen zwischen unseren Ländern pflegen!
Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Liebe Freunde in Deutschland!
Ich verneige mein Haupt im Gedenken an meine aus meinem Heimatland vertriebenen deutschen Mitbürgern! Ich teile den Schmerz, den sie in den damaligen schweren Zeiten erleben mussten!
Vielen Dank gilt all denjenigen, die den aus meiner Heimat vertriebenen Menschen Hilfe entgegengebracht haben! Ich danke dieser Gemeinschaft, das Andenken der Opfer zu bewahren!
Vielen Dank gilt allen, die den deutsch-ungarischen Beziehungen mit Leben erfüllen, daran arbeiten und bestrebt sind, Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen uns zu erhalten und weiter zu vertiefen!
Und darüber hinaus danke ich ebenso für Ihre beehrende Aufmerksamkeit.
(19.01.2026. München)