Rede von Herrn Staatspräsident Dr. Tamás Sulyok in Pirna anlässlich des Gedenktages der Verschleppung der Ungarndeutschen
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!
Sehr geehrte Frau Hoffmann!
Sehr geehrte Teilnehmer!
Meine lieben deutschen Freunde!
Vor achtzig Jahren wurden von einem Tag auf den Anderen deutsche Menschen und Familien aus Ungarn vertrieben. In drei Wellen hat man uns über 200 tausend Seelen entrissen. Sie waren meine Mitbürger, hoch angesehene Bürger meiner Heimat.
Die Gemeinschaften der Ungarndeutschen leben seit Jahrhunderten mit Ungarn zusammen. Sie haben einen großen Beitrag für das Land und für die ungarische Kultur geleistet. Sie haben gemeinsam mit uns Ungarn aufgebaut, das Land, das auch ihre Heimat war. Die vor achtzig Jahren vertriebenen gehörten genauso fest zur ungarischen Nation und waren genauso Teil der ungarischen Kultur, wie alle anderen unserer Mitbürger. Viele Familien haben über Jahrhunderte hinweg in Ungarn gelebt, gearbeitet, Neues und Wertvolles geschaffen. Und dann kam der unmenschliche Befehl: sie haben zu gehen.
Die Vertreibung der ungarndeutschen war eine schändliche Sünde am Menschen. Nach dem blutigen Weltkrieg wurden nicht erst die Wunden geheilt, sondern vielmehr neue Wunde aufgerissen. Auf dem bis dahin erlittenen Leid folgte zusätzliches Leid. Zu den ungarischen Opfern des zwanzigsten Jahrhunderts gehören auch diejenigen Deutschen, die gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen. Das ist ein ungeheurer Verlust nicht nur für die deutsche, sondern auch für die ungarische Nation. Die Vertriebenen und ihre Nachfahren werden bei uns nie in Vergessenheit geraten. Ungarn erwartet diejenigen zurück in ihrer Heimat, die sich zur Rückkehr entscheiden.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Wer die Vergangenheit nicht kennt, hat nicht die geringste Chance, die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Wer aus dem Gräuel nicht lernen will, bietet nicht einmal die Chance, diese in Zukunft vermeiden zu können.
Die aufrichtige Konfrontation mit den Tragödien der Geschichte war auch notwendig, um heute in einem Europa leben zu können, in dem wir jede Form der Benachteiligung entschieden ablehnen: Einbußen am Besitzstand, die Schikanen an autochtonen Minderheiten und die Idee einer kollektiven Schuld lehnen wir ab. Die Wahrung der Rechte autochthoner Nationalitäten gehört zur europäischen Wertestruktur und sollte heute selbstverständlich sein. Die Beschneidung der Rechte nationaler Gemeinschaften geht jedem Grundsatz zuwider, der unsere Gemeinschaft in Europa zusammenhält.
Der Respekt vor den Rechten der Nationalitäten ist zugleich ein Gradmesser für Demokratie.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Wir Ungarn und Deutsche sind durch die Geschichte eng miteinander verwoben. In diesem Beziehungsgeflecht zwischen uns gibt es zwei starke Bande. Zum einen die uns seit gut tausend Jahren verbindenden zwischenstaatlichen Beziehungen, die sich auch in intensiven wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Beziehungen niederschlagen. Die andere starke Bande bildet die deutsche Nationalität in Ungarn.
Aus diesem Grund dürfen sich Ungarn und Deutsche niemals verfeindet sein, weil wir durch Gemeinschaften, Familien und Menschen miteinander verbunden sind. Und zu dieser starken Bande können wir auch die bedeutende Gemeinschaft der Ungarn in Deutschland hinzuzählen.
Im Verlauf unserer Geschichte waren stets diejenigen auf gutem Wege, die an der Stärkung unserer Beziehungen arbeitete und deren Tätigkeit dem gegenseitigen Verständnis diente.
Die guten deutsch-ungarischen Beziehungen sind wertvoll in Europa und für diese Zusammenarbeit stehe ich auch persönlich ein.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Die Ungarndeutschen haben die ungarische Kultur bereichert, über Jahrhunderte weg bleibendes geschaffen und dabei stets auch ihre eigene Identität bewahrt. Bei Ihrem Tun gingen sie nicht davon aus, sich selbst aufzugeben: sie haben ihre Wurzeln nie verleugnet, ihre eigene Kultur niemals verworfen. Sie haben aufgebaut und nicht zerstört.
Die gesamte Geschichte der Ungarndeutschen ist ein Beweis für Europa, dass nationale Kulturen, und auch die Bestrebungen, sie zu bewahren, jeweils ihre Daseinsberechtigung haben.
Ich persönlich bin engagierter Unterstützer autochthoner Nationalitäten und habe das Treffen mit ihren jeweiligen Spitzenvertretern zur jährlich wiederkehrenden Tradition gemacht.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Erlauben Sie mir, zum Abschluss meiner Rede den ersten, nach der Wende frei gewählten Ministerpräsidenten Ungarns, József Antall zu zitieren, der freundschaftliche Beziehungen zu Helmut Kohl pflegte und in einer seiner Reden folgendes sagte: „Wenn die Erinnerung abgebrochen wird,, dann werden wir nicht zusammen gehören können, keine Kraft aus der Vergangenheit schöpfen können, um die Widrigkeiten der Gegenwart überleben zu können.“
Wir sind verpflichtet, zu gedenken und diese Einstellung auch an die Jüngeren zu vermitteln. Ich freue mich, dass hier und heute auch die Jüngeren so zahlreich vertreten sind. Danke dafür, dass Ihnen die Pflege der Erinnerung an die Opfer wichtig ist. In die Zukunft können wir nur klar blicken, wenn wir den Blick in die Vergangenheit nicht ermatten lassen. Nur so lernen wir aus den Sünden der Vergangenheit, damit weder wir, noch die nachfolgenden Generationen diese nicht wieder begehen.
Danke für Ihre beehrende Aufmerksamkeit.
(20.01.2026 - Pirna)