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Rede von Herrn Staatspräsident Dr. Tamás Sulyok im Gedenkzentrum „Waldlager” in Mühldorf am Inn

Meine sehr geehrten Damen und Herren! 

Heute begrüße ich Sie an einem traurigen Ort. Dieser Boden ist Zeuge unermeßlichen Leides. Meine Mitbürger wurden hier ihrer Menschenwürde vollends beraubt. Wehenden Schmerzes denke ich an die vielen tausend jüdische Menschen aus Ungarn und an all jene unserer Mitmenschen, die hier und in der Nähe der unmenschlichen Nazidiktatur zum Opfer gefallen sind. 
Vernichtetes Leben muss unvergessen bleiben und ist durch nichts zu ersetzen.

Dieses Gedenkzentrum ist eine würdige Erinnerungsstätte für die Opfer und bietet einen bemerkenswerten Raum zum Gedenken. Dank und Anerkennung gebührt all jenen, die an der Anregung und Entstehung der Gedenkstätte beteiligt waren. Danke dafür, dass Sie das Andenken der Opfer so beharrlich und beherzt pflegen.

Hier können wir genau erkennen, wozu die Niedertracht des Menschen in der Lage ist. 
Dieser Ort mahnt uns ob der Folgen, gottes- und menschenfeindliche Ideologien freien Lauf zu lassen. Derart Schreckliches darf nie wieder passieren! Wir dürfen niemals wieder zulassen, dass Menschen wegen ihrer Herkunft verfolgt und gebrandmarkt werden! Wir dürfen niemals wieder zulassen, dass die Würde eines jeden Menschen angetastet wird! Wir dürfen nicht zulassen, dass Gemeinschaften benachteiligt und ihrer Rechte beraubt werden!


Sehr geehrte Damen und Herren!

Dem Antisemitismus dürfen wir nicht nachgeben, wie groß der Druck immer sein mag. Nach dem Schrecken des 20. Jahrhunderts müsste es im Europa des 21. Jahrhunderts selbstverständlich und eindeutig sein, dass man den Antisemitismus nicht tolerieren darf.

Jüdische Gemeinschaften werden in Ungarn wertgeschätzt. Mein Heimatland gehört zu den sichersten Ländern weltweit, wo ein jeder seinen Glauben frei praktizieren, Traditionen leben, Feste feiern und das Leben gestalten kann. Bei uns braucht kein einziger Mensch jüdischen Glaubens Über- oder gar Angriffe zu fürchten.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Für das Gute und gegen das Böse braucht es feste Entschlossenheit. Gegen das Dunkle steht nämlich immer das Licht. Gegen die Unmenschlichkeit steht immer die Menschlichkeit. Sowohl Deutsche, als auch Ungarn haben bereits Rechenschaft über ihre Vergangenheit abgelegt und ich hoffe inständig, dass wir alle daraus gelernt haben. Daher ist jede Gelegenheit, die uns zum Gedenken ruft, zugleich auch die Gelegenheit, unseren Zusammenschluss zu stärken.

Gegenseitiges Verständnis und gegenseitiger Respekt, die Wertschätzung der Gemeinschaften jeweils anderer, die Wahrung und Stärkung unserer Beziehungen ist der richtige Weg zwischen zwei Nationen, die über tausend Jahre enge Bande miteinander pflegen. Die deutsche und die ungarische Nation waren und sind nämlich durch vielfältige Bande miteinander verwoben.

Wertschätzung verdienen auch diejenigen unter uns, die stets nach dem Verbindenden suchen. Diejenigen, die trotz aller Gegensätze oder Widerworte nach der einvernehmlichen Schnittmenge suchen, die immer und immer wieder erkennen, welche Macht die Gemeinschaft bilden kann und welchen Schaden es bereiten kann, sich voneinander zu verschließen. Sie erkennen nicht nur, über wie viele Verflechtungen ein Land, die Menschen eines Landes dem anderen verbunden sein kann, sondern sie erkennen und finden diese Verflechtungen. Sie dienen wahrlich der Zukunft.

Ich selbst bin engagierter Verfechter der Stärkung der deutsch-ungarischen Beziehungen, der Pflege des guten Miteinander unserer beiden Länder und auch der Freundschaft unter unseren Völkern. Wir sind einander wichtig und das dürfen wir niemals aufgeben. So, wie wir den Tragödien der Vergangenheit gemeinsam gedenken, so können wir auch gemeinsam an der Zukunft bauen.

Vielen Dank für Ihre beehrende Aufmerksamkeit.

(Gedenkzentrum „Waldlager” in Mühldorf am Inn, 18.01.2026.)